Wenn es der Kriminalpolizei nicht gelingt ein heimtückisches Tötungsdelikt aufzuklären, es keine ersichtlichen Motive und Tatverdächtigen gibt und die Spurenlage sehr dünn ist, müssen neue Hypothesen auf den Tisch.
Chronologie der Ereignisse
An jenem Montagmorgen, am 16. September 2024, war es herbstlich kühl im hessischen Lampertheim (Kreis Bergstraße). Erst am Nachmittag sollten die Temperaturen auf angenehme bis zu 21 Grad steigen.
Larissa R. machte sich auf den Weg, sie wollte im Wald joggen. Die 36-jährige Grundschullehrerin und zweifache Mutter fuhr mit ihrem Auto zu einem Parkplatz im Bereich des Stadtteils Neuschloss. Die passionierte Läuferin traf nach rund 800 Metern auf ihren Mörder, der sie mit drei Messerstichen tötete und am Rand des Waldwegs liegen ließ, das musste den Ermittlungen zufolge zwischen 10.30 Uhr und 11:30 Uhr passiert sein.
Gegen 11:45 Uhr entdeckten Spaziergänger die leblose Frau im Wald und alarmierten die Polizei.
Umfangreiche, aber ergebnislose Ermittlungen
Da am Auffindeort von Larissa R. schnell klar war, dass sie das Opfer eines Tötungsdelikts wurde, fuhren die Ermittlungsbehörden das große Programm auf. Die eingerichtete SOKO bekam den Namen „1609“ und hatte zweitweise über 30 Spezialisten aus allen erforderlichen kriminalistischen Fachbereichen.
Am Abend des Tattags ging die Polizei mit einem Zeugenaufruf an die Öffentlichkeit, und bereits am 2. Oktober kam der Fall in die Sendung Aktenzeichen XY.. ungelöst.
Über 200 Hinweise sollen eingegangen sein, die alle überprüft wurden, aber nicht auf eine heiße Spur zum Täter führten, genauso wie alle Zeugenbefragungen.
Am Tatort und im geparkten Auto der jungen Mutter konnte Fremd-DNA sichergestellt werden. Ein späterer freiwilliger DNA-Reihentest mit über 1100 Teilnehmern aus dem Familien‑, Freundes- und Bekanntenkreis sowie aus dem Arbeitsbereich des Opfers und Anwohnern brachte beim Abgleich keinen Treffer. Ebenso blieb die Suche in nationalen und internationalen polizeilichen Datenbanken ergebnislos.
Die zuständige Staatsanwaltschaft in Darmstadt schließt eine Beziehungstat aus und nimmt ein Zufallsopfer an. Auch für ein Raub- oder Sexualdelikt ließen sich keine Anhaltspunkte finden.
Die Abfrage der eingeloggten Mobilgeräte im Tatumfeld und andere Standardmaßnahmen brachten die Ermittler bislang keinen Schritt weiter.
Geblieben sind Zeugenbeobachtungen von zwei unbekannten Männern im Umfeld, der eine soll auf einem Baumstamm gesessen haben, er trug eine schwarze Kappe, ein schwarzes Oberteil sowie eine hellblaue Jeans und schwarze Schuhe. Der andere soll sich im Bereich des in der Nähe befindlichen Wasserwerks aufgehalten haben. Er trug eine Camouflage-Hose und führte eine ähnlich gemusterte Trinkflasche in der Hosentasche mit sich. Zudem hatte er einen dunkelgrauen bis schwarzen Kapuzenpullover und ebenfalls schwarze Schuhe an. Beide wurde auf über 30 Jahre alt geschätzt.
Die Tatwaffe, ein Messer, wurde nie gefunden. Aus kriminalpsychologischer Sicht sind die drei Messerstiche im vorliegenden Fall nicht als sogenannte „Übertötung“ zu bewerten, sondern als effektives Vorgehen, um den Taterfolg sicherzustellen.
Ein anderer und gleichzeitig extrem schwieriger Ansatz
Weil die bisherigen Ermittlungen nicht zum Erfolg geführt haben, empfiehlt sich „out of the box“ zu denken und folgende Hypothese zu überprüfen:
Es geht um die auch in Deutschland wachsende Subkultur des nihilistisch gewalttätigen Extremismus (Fachbegriff: Nihilistic Violent Extremism NVE), in dieser Hypothese um eine virtuelle Community „COM“ aus dem Bereich „No Lives Matter (NLM)“.
Aus diesem Betrachtungswinkel wurde Larissa R. nicht als Individuum gehasst und Opfer eines Tötungsdelikts, sondern als Symbol für die „Normalität“. Eine Mutter und Lehrerin ist das perfekte Ziel für einen Nihilisten, da sie für Fortbestand und Bildung der Gesellschaft steht.
Da es nicht um Geld oder Sex geht, sondern um die Tat an sich, bleibt das Motiv für Ermittler ohne Einblick in diese digitalen Nischen unsichtbar. In dieser Community wird Gewalt oft als ritueller Akt oder als Test der eigenen Entschlossenheit gesehen.
Um in der Gunst der Gruppe zu steigen, reicht es irgendwann nicht mehr aus, Memes zu teilen. Der Übergang zur realen Gewalt wird als „Opting Out“ aus dem System und „Opting In“ in die Community gefeiert.
Täter, die scheinbar sinnlose Morde begehen, werden in diesen Foren oft als „Saints“ (Heilige) tituliert und verehrt. Ihr Ziel ist es, Nachahmer zu inspirieren und die gesellschaftliche Ordnung zu destabilisieren.
Um die Hypothese im vorliegenden Fall zu präzisieren, könnte ein „Hunting“ durch den oder die Täter erfolgt sein. Konkrete Tatanleitungen und „Sicherheitshinweise“ in den Foren sollen vor Zurückverfolgung durch Ermittlungsbehörden schützen.
Wenn die zwei (?) Täter passiv in den sozialen Medien nach einem geeigneten Opfer Ausschau gehalten haben, dass ganz woanders wohnt und es keinerlei Verbindungen gibt, dann entsteht eine Situation wie die vorliegende.
Zum Themenfeld „Nihilistic Violent Extremism“ gibt es inzwischen mehrere investigative Recherchen und wissenschaftliche Untersuchungen. Es liegen ebenfalls europaweit und in den USA Ermittlungsfälle vor, die die Schwierigkeiten der Behörden zeigen, überhaupt Zusammenhänge zu erkennen.
Die Community „lebt“ in abgeschotteten und teilweise verschlüsselten Bereichen auf sozialen Medien, Messengerdiensten und Spieleplattformen. Alle Handelnden haben Pseudonyme. Für eine Polizeibehörde übersteigen solche Ermittlungen schnell den Rahmen des Machbaren. Investigative Journalisten unterliegen an dieser Stelle weniger rechtlicher Restriktionen, zum Beispiel, wenn es um virtuelle Tarnidentitäten geht.
Gewaltätiger Nihilismus äußert sich übrigens vielfältig, häufig in Sachbeschädigungen, Branddelikten und auch Körperverletzungsdelikten, die sich nicht aufklären lassen und irgendwann zu den Akten gelegt werden. Im Zuständigkeitsbereich der Polizeiinspektion Aurich/Wittmund (Ostfriesland) gibt es hier eine spannende Fallhäufung, aber das ist ein eigenes Thema.
Titelfoto: Symbolbild von Michal Renčo auf Pixabay