Politische Graffiti und Schmierereien in der Unterführung

Kritische Indikatoren in allen Farben und Größen

“Wir stellen in einem erhöhten Maße fest, dass sich junge Menschen radikalisieren”, sagte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) in einem Interview den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Die Gewaltbereitschaft wachse stark in der rechtsextremen Szene, aber auch bei Linksextremisten und jungen Islamisten.

Eigentlich ist es ein Ermittlungsvorteil, dass diejenigen in Eschborn, die politisch-extremistisch aktiv sind, ihre Haltung nicht verstecken, sondern öffentlich dokumentieren, in Form von Graffiti, Schmierereien und Aufkleberaktionen. Dobrindt sieht bei der Vorbeugung von politisch motivierter Gewalt die Menschen und Institutionen vor Ort in der Verantwortung. “Aufklärung gegen diese extreme Propaganda können vor allem Netzwerke vor Ort in den Städten und Kommunen leisten, etwa an Schulen, in Vereinen oder Jugendtreffs.”

Mit offenen Augen unterwegs

Vorletzte Woche Montag rief ein aufmerksamer Bürger die Polizei, als er kurz nach 22 Uhr drei Sprayer In der Wolfslach entdeckte. Die drei männlichen 20- und 21-jährigen Tatverdächtigen verteilten auf der Straße durch die Felder und auf den Andreaskreuzen am Bahnübergang an der Homburger Eisenbahn ihre “Kunstwerke”, allerdings harmlos im Vergleich zu dem, was im Eschborner Stadtgebiet und den Grünbereichen seit rund drei Jahren sonst zu finden ist. Das Problem ist die Zunahme politischer Graffiti, Aufkleber und Schmierereien, mit extremistischen Inhalten, unter anderem auch handfester Antisemitismus.

Die Polizei hält sich mit ihrem Ermittlungsstand bedeckt. Bearbeitet werden die Straftaten wie Volksverhetzung vom Staatsschutzkommissariat in der Regionalen Kriminalinspektion in Sulzbach. “Derzeit gibt es keine konkreten Hinweise, dass die Schmierereien oder Klebeaktionen nur von einer Tätergruppierung ausgehen.”, ist als einzige Antwort zu entlocken.

Der Blick der Profis

“Wenn ich reise, achte ich zum Beispiel besonders auf Graffiti. Graffiti ist einer meiner liebsten sozialen Indikatoren.”, erklärt Carmen Medina. Alleine das Volumen an Graffiti in einer Stadt sieht sie als Hinweis auf den sozialen Zusammenhalt in einer Stadt. Das kann positiv oder negativ sein.

Medina arbeitete 32 Jahre lang als Analystin bei der CIA, zum Schluss als „Deputy Director of Intelligence“. Heute hält sie Fachvorträge und ist kompetenter Talkgast, wenn es um das Thema professioneller Analysen geht.

Wer einen Spaziergang durch die Straßenunterführungen in der Verlängerung der Hanny-Franke-Anlage macht, der kann an den Wänden links und rechts in allen Variationen “nachlesen”, was der politische Extremismus am Westerbach in Bezug auf Gesellschaft und sozialem Zusammenhalt „zu bieten“ hat.

Antisemitisch beschmierter Stromverteilerkasten

Wäre das der einzige Ort in Eschborn, der die extremistische Bandbreite ausdrückt, dann könnte man das Thema mit wenigen Eimern Farbe beheben. Aber vom Südbahnhof bis zur Gemarkungsgrenze nach Kronberg sind die Schmierereien an Laternenmasten, Schildern und Wänden zu finden. Ab und zu wechselnd, wenn wieder eine Überklebaktion der politischen Gegenseite stattgefunden hat.

Kurz vor dem Radrennen am 1. Mai tobten sich Unbekannte in der Tiefgarage unter dem Rathausplatz aus, der dieses Mal als Start für die Profis diente. Die Kernbotschaft war „Free Gaza“, auch ein Pkw wurde damit besprüht. Um den internationalen Sportlern, Gästen und Pressevertretern keinen „falschen“ Eindruck von Eschborn zu vermitteln, musste schnell Farbe zum Überstreichen her.

Der Bundesinnenminister sieht bei den Menschen in den Institutionen vor Ort “die beste Sensorik dafür, wenn sich ein Jugendlicher radikalisiert. Und sie haben im besten Fall den direktesten Einfluss auf die Person”.